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-15- aus Helges Wohnzimmer
Plötzlich hatten wir zwanzig Hunde
Bei einer Zucht wäre das nicht verwunderlich, bloß, wir hatten und haben keine Zucht.
Nach dem Ableben unseres Zwergpudels Susi kam Mücke, ein Zwerg-Rauhhaardackel, in Haus. Mücke, die Hundedame, fühlte sich bei uns wohl. Na ja, sie war der Mittelpunkt. Drei Jahre hielt uns Mücke auf Trab. Bis zum Zeitpunkt des Einbruchs auf dem von uns gemieteten Grundstück in Frankreich.
Ein Wachhund muss her, war der Beschluss einer Krisensitzung. Den, beziehungsweise die ein Doggenpaar fanden wir per Anzeige im städtischen Tierheim. Meine Mutter und ich bekamen den Auftrag, die Hunde nach Frankreich zu bringen.
Beim ersten Zusammentreffen mit den Doggen rutschte mir das Herz in die Hose. Vor uns im Zwinger standen zwei große schwarze Ungeheuer, die uns Fremde auch noch anbellten. Das klang nicht gerade einladend. Blacky, der Rüde, hatte ein Stockmaß von 95 cm. Der mächtige Kopf konnte bequem auf alle Tische schauen. Die breite Brust würde jedem Rottweiler zur Zierde gereichen. Lady, das Weibchen, wirkte mit ihrem Stockmaß von immerhin 70 cm zierlich, wenn nicht graziös neben Blacky.
„Da gehe ich nicht rein!“, war mein erster Kommentar. Meine Angst legte sich, als ich sah, wie der Tierpfleger mit den Hunden umging. Als meine Mutter das Gehege betrat, überwand ich meine Scheu und stellte mich hinter den Pfleger. Da kam er, Blacky, auf mich zu, berührte meine Hand, drückte den Tierpfleger mit der Kraft seines Körpers zur Seite und verlangte von mir Streicheleinheiten.
Blacky hatte den Bann gebrochen. Wir kamen jeden Tag, um uns und die Tiere aneinander zu gewöhnen. Das Doggenpaar bewohnte den letzten Zwinger im Tierheim. Der Weg dorthin führte uns jeden Tag an der einen oder anderen Reihe der übrigen Zwinger vorbei. Aus einem dieser Zwinger erfasste mich ein dermaßen trauriger Blick, der mich auch in der Nacht nicht losließ.
Am nächsten Tag suchte ich diesen Blick. Er gehörte einer Boxerhündin, die bis auf’s Gerippe abgemagert war. Nach Rücksprache mit meiner Mutter hatte Buffie einen neuen Eigentümer. Für die Impfung bezahlte ich 80 DM, noch 60 DM Schutzgebühr für den Hund, und ich war Hundehalter. Buffie und Mücke verstanden sich auf Anhieb. Mücke legte sich bei Buffies Anblick auf den Rücken und die Rangordnung war klar.
Samstagmorgen kamen die beiden Hunde zur Nachbarin und Axel, einem Bernhardinerrüden, der Mücke abgöttisch liebte. Mit meiner Mutter fuhr ich zum Tierheim, um unsere Neu-Franzosen zu übernehmen. Wir hatten die Rückbank meines Breaks umgeklappt, und die vergrößerte Ladefläche mit Decken und Kissen gepolstert. Nach der Begrüßung bekamen die Hunde eine Beruhigungstablette und wurden durch die Hecktür ins Auto gelassen. Lady machte es sich gleich gemütlich, während Blacky den Fahrersitz vereinnahmte. Ein kurzes Gespräch unter Männern machte ihm klar, der Fahrer würde ich sein. Als ob er meinen Fahrkünsten misstraute, nahm er hinter dem Fahrersitz Platz, den Kopf kontrollierend auf der Rückenlehne lagernd. So konnte er alles überblicken.
Um der Notdurft der Hunde gerecht zu werden, machten wir zu Hause kurz Station. Meine Mutter nahm Lady an die Leine, ich Blacky. Wir gingen den Feldweg neben Häusern herunter. Ich hatte schon den Rückweg angetreten, als ich plötzlich einen Schrei hörte. Wir, Blacky und ich, dachten an einen Westernfilm, bei unserem Blick zurück. Lady zog meine Mutter an der Leine hängend über die Erde hinter sich her. Ich half meiner Mutter auf. Jetzt lachte sie auch, sie war ganz geblieben.
Ohne weitere Umstände setzten wir die Fahrt Richtung Frankreich fort, wo Vater auf uns wartete. Der belgische Zoll winkte uns und unsere Fracht durch, ohne sich unsere Papiere auch nur anzusehen. Via Lüttich näherten wir uns Frankreich. Vor Namur steuerte ich einen Rastplatz an. Das Angebot, beide Hunde zu nehmen, lehnte Mutti ab, „mit Lady werde ich schon fertig“. Denkste, wir erlebten das gleiche Schauspiel wie auf dem Feldweg. Wieder half ich Mutti beim Aufstehen und weiter ging’s.
Auch den Franzmännern flößten unsere Mitfahrer Respekt ein. Sie verhielten sich wie die Belgier. Freie Durchfahrt an den Grenzen, so stellte ich mir ein vereintes Europa vor!
Um die Hunde mit Wasser zu versorgen, stoppten wir an der letzten Raststätte der Autobahnstrecke, denn nun kam nur noch Landstraße. Ich war gerade ausgestiegen, um Wasser zu holen, da, ich denke, mein Auto fliegt auseinander, so ein Spiel machten die Hunde. Nur weil ein Schäferhund den Bannkreis des Wagens betreten hatte. Nachdem wir sie beruhigt und getränkt hatten, setzten wir die Reise fort.
Zwei Stunden später erreichten wir unser Ziel, wo uns Vater und sein Partner nebst Familie sehnsüchtig erwarteten. Nur, wohin mit den Hunden?! Freie Hallen waren genug vorhanden, die aber gefielen den Hunden nicht. Bei der Besichtigung der ersten Halle verschaffte sich Blacky gleich freie Sicht, indem er ein Fenster von der Scheibe befreite. Notgedrungen mussten wir eine andere Bleibe suchen. Die fanden wir in Form mehrerer Boxen neben dem Haus. Sie waren hinten überdacht und vorne offen. Mittels eines großen Hammers entfernten wir zwei der Mittelmauern, fertig war die Hundehütte.
Zuhause schien Buffie schier unersättlich zu sein. Die hat bestimmt einen Bandwurm, dachte ich. Der Tierarzt jedoch war da anderer Ansicht: „Die bekommt Junge!“. Diese Nachricht brachte uns etwas aus dem Gleichgewicht. Sofort wurde das Tierheim angerufen, auch dort Entsetzen: „Die ist doch erst ein halbes Jahr!“. Sie sicherten uns Hilfe zu.
Dann ging’ s Schlag auf Schlag. Mitte September wart Lady, die Doggenhündin in Frankreich, neun Welpen. Acht kamen durch. Das Wochenende darauf fuhren Mutti und ich nach Frankreich, um den Nachwuchs zu sichten. Wir konnten uns gar nicht satt sehen, so süß waren die sechs schwarzen und zwei blauen Kleinen. Lady war eine fürsorgliche Mutter, während die Kleinen Blacky ganz schön auf die Nerven gingen. Er hatte ’ne eigene Box bezogen.
Dieser Wurf war uns vom Tierheim angekündigt worden, nicht aber Buffies. Ihre Kleinen kamen Anfang November zur Welt. Wir hatten ihr ein Lager im Keller zurecht gemacht. Das erste sichteten wir gegen 22.00 Uhr und nichts sah nach Boxer aus. Oscar Bonavena, der Dritte, hatte auch keine Ähnlichkeit mit einem Boxer. Er war schwarz wie die zwei anderen, hatte aber eine kleine Blässe auf der Nase und weiße Pfötchen.
Der Name Oscar Bonavena erschien mir angemessen für ihn, weil er gleich Chef im Ring war. Noch nicht frei von der Fruchtblase, fand er den Weg zur Zitze der Mutter. Auch später gab er den Ton an.
Der nächste hatte wenigstens im Fell Ähnlichkeit mit der Mutter, getigert wie sie. Buffie kümmerte sich rührend um die Kleinen. Von acht konnten wir sieben durchbringen. Buffie selbst war nach Wochen guter Pflege noch immer ein Häuflein Elend. Nach einigen Tagen wurden die Jungen in einen Wäschekorb gelegt und mit Buffie und Mücke ins Auto verfrachtet. Meine Mutter, die mir in der Firma half, nahm sie mit ins Büro. Ihr Auto war stadtbekannt. Überall wo sie hielt, gab’s einen Menschenauflauf. Ich glaube, wir waren eine Zeitlang Stadtgespräch. Jeden Morgen bekam Mücke einen Welpen, nachdem er seine Frühstücksration bekommen hatte, in seinen Korb. Der dann er’s einmal gewaschen und erzogen wurde.
Die Doggen in Frankreich waren bis auf ein schwarzes Weibchen und einen blauen Rüden alle in gute Hände abgegeben worden. Auch zuhause kam die Zeit der Abgabe der Welpen. Mutter suchte die Pflegefamilien ihrer Schutzbefohlenen sorgfältig aus. Kurz vor Weihnachten waren alle Boxermischlinge untergebracht. Zwei Tage vor Heiligabend brachte mein Vater die zwei kleinen Doggen mit.
Das Weibchen wurde durch das Tierheim weitervermittelt. Der Rüde blieb bei uns. Zwischen den Tagen musste er operiert werden. Er hatte einen Milzanriss und eine Darmverengung. Wenige Tage später rief die Tierärztin an: „Holen Sie Ihren Hund ab, ich kann keinen Schritt tun ohne ihn.“
Le Bleu, wie er hieß, lebte sechseinhalb Jahre bei uns. Vor Kurzem wurde er im Straßenverkehr getötet. |